Die künstlerische
Ausgestaltung der kirchlichen Anlagen geht in Kappadokien in die Zeit vor dem
Bilderstreit zurück. Die ältesten Beispiele reichen in das 6. Jahrhundert
zurück und sind noch recht einfach und unbeholfen. Sie entstammen einer
volkstümlichen Kunst, die sich, aus einem provinziellen bäuerlichen Milieu
hervorgegangen, fernab von den großen kulturellen Zentren wie Alexandria,
Antiochia oder Konstantinopel entwickelte. Dennoch spiegeln Architektur und
Malerei die gesamtbyzantinische Kulturentwicklung wider. Das Charakteristikum
der kappadokischen Architektur ist, dass sie "ex negativo" entstanden
ist. Die unterschiedlichen Grundrisse und Raumkörper der byzantinischen Sakralarchitektur
mussten aus dem Tuff herausgearbeitet werden. So entstanden Räume durch
Entfernen statt durch Aufbauen von Material.
Daraus entwickelte sich eine
nachahmende, keine konstruktive Architektur: Die Arkaden werden nicht
von den aus dem Felsen gehauenen Säulen gestützt, die Gewölbe und Kuppeln haben
keine eigentliche Funktion, sondern sind formales Repertoire. Rücksichten auf
statische Belange musste man nicht nehmen. Die Architektur diente gänzlich den
Funktionen, die die Liturgie verlangte, und erhielt dadurch symbolische
Bedeutung: die Apsis mit Altar, das Synthronon, der Platz für die Kleriker, die
Kuppel als Abbild des Himmels, der Narthex oder die Vorhalle für die
Katechumenen, die Ikonostase und die Kanzel. An den Felsenkirchen Kappadokiens kann
man alle Formen byzantinischer Sakralbaukunst in verkleinertem Maßstab
studieren. Sie reichen vom einfachen
Schiff mit Gewölbe (Karabas im Tal von Soganli) bis zur Dreikonchenanlage
(Tagar), vom trapezförmigen Raum, der von einer Querreihe von Pfeilern und
Arkaden abgestützt ist (Sakli Kilise bei Göreme) bis zum quadratischen
Kirchenschiff, bei dem vier Säulen Bögen und eine Pendentifkuppel stützen (Eski
Gümüs bei Nigde) und finden ihren krönenden Abschluss in der Grundrißform des
griechischen Kreuzes mit überkuppelten Nebenschiffen ("Säulenkirchen"
in Göreme). Aus der Kombination zweier Kirchen entstand die ungewöhnliche
Kirchenanlage von Tokali Kilise.
Die meisten
Anlagen waren vollständig ins Berginnere verlegt und aus Gründen der Sicherheit
von außen kaum auszumachen. Die Innenräume erreichte man über versteckte
Treppen und durch unscheinbare Zugänge. Häufig steht die bewusste äußere
Tarnung der Kirchen in überraschendem Gegensatz zu der oft reichen und kunstvollen
Innengestaltung, der Malerei. In Form
und Inhalt stellt die byzantinische Kunst das umfassendste und beständigste
künstlerische System des Mittelalters dar.
Die Bildprogramme
und jedes einzelne Thema waren durch kirchliche Autorität und Überlieferung
festgelegt und zu einer prägnanten Klarheit entwickelt, die über Jahrhunderte
den gültigen Maßstab setzte. Alle Elemente der byzantinischen Kunst waren religiösen
und formalen Konventionen verpflichtet, die der künstlerischen Freiheit Grenzen
setzten, aber doch Spielräume ließen, um innerhalb dieser Grenzen eine
lebendige Entwicklung der Formen und Stile zu ermöglichen. Die bildhafte
Ausgestaltung der Höhlenkirchen, die bis in das 7. Jahrhundert zurückreicht,
und die abrupt am Ende des 12. Jahrhunderts abbricht, spiegelt im Laufe ihrer
Entwicklung die unterschiedlichsten Einflüsse wider. In der Frühzeit der
kappadokischen Malerei überwiegt das ornamentale Repertoire mit geometrischen
Mustern, Kreisen, Kreuzen, Flechtbändern und Ranken, die oftmals noch auf Vorbilder der Spätantike hinweisen. Menschliche
Abbildungen sind meist frontal und unbeweglich dargestellt. Erst im 9.
Jahr-hundert befreit sich die Kunst von diesem starren Schema, und auch die
Wandflächen werden besser genutzt. Nebeneinanderstehende Szenen und
Heiligenbildnisse fügen sich in ein Netz von Feldern ein, die jeweils einer
biblischen Episode vorbehalten sind. In der Regel entnahm man die Motive den
Evangelien aber auch apokryphen Texten. Die Aufgabe der Bildfolgen bestand
darin, Prediger in der Erklärung der Evangelien zu unterstützen und die Mönche
bei der Meditation zu leiten.
Die
"funktionelle" Auffassung der Bilder, die auch der mittelalterlichen
Malerei in den Kirchen der Romanik zugrunde liegt, beruht auf einer graphischen
Interpretation der heiligen Texte. Die großen Themen, die immer wieder
auftauchen sind:
Die Kindheit
Marias, die Verkündigung, die Geburt Christi, die Anbetung der Könige, die
Darstellung im Tempel, die Taufe Jesu durch Johannes, die Wunder Jesu, der
Verrat des Judas, die Verleugnung des Petrus, das Abendmahl, die Passion und
Kreuzigung, die Grablegung, die Auferstehung, die Verklärung und das
Pfingstfest. In der Apsis thront gewöhnlich Christus als Pantokrator, als König
der Welt, manchmal umrahmt von apokalyptischen Symbolen. In den Seitenapsiden
wird Maria, meist mit dem Kind, dargestellt. Jede Kirche war für die Byzantiner
als Mikrokosmos Abbild der Welt.
Die Malerei hatte
somit die Aufgabe, die Kirche mit Bildern von Gott, den Engeln und Menschen,
von Heiligen und Stiftern zu bevölkern und so die Schöpfung zu symbolisieren.
Neben der höfisch beeinflussten Kunst der Kirchen des 11. Jahrhunderts, den
"Säulenkirchen" und der Tokali Kilise, gibt es Kirchen mit dem
typischen Dekor einer anikonischen Kunst, so wie dies die ikonoklastische Lehre
forderte. Ein Beispiel ist die Barbara Kilise
in Göreme, die
fast ausschließlich mit abstrakten Motiven und Symbolen geschmückt ist, die
aber aufgrund ihrer Architektur aus einer Zeit weit nach dem Ikonoklasmus zu
datieren ist.
Die Darstellungen aus dem 11. Jahrhundet, dem
Höhepunkt der kappadokischen Malerei, zeigen einen hochentwickelten Stil. Die
Zeichnung der Figuren gewinnt an Eleganz und Feinheit, die Regel der
Frontalität wird zunehmend aufgelöst, die Gesichter bekommen individuelle Züge,
die Gesten werden lebendiger und die Hände sind von starker Ausdruckskraft. Die
"nassen" Gewänder, die sich eng an die Körper anschmiegen und ihre
Formen zur Geltung bringen, sind ein charakteristisches Merkmal dieser Periode.
Der Ausdruck der Figuren, die die Kuppeln, Gewölbe, Zwickel, Laibungen und die
Wände der Kirchen bedecken, verleiht dieser Kunst in Kappadokien den Charakter
einer intensiven Spiritualität und einer tiefgehenden mystischen
Ausstrahlung. Die Säulenkirchen von
Göreme spiegeln die höfische Kunst Konstantinopels in allen Elementen wider.
Möglicherweise sind Künstler, die wohl einer Malschule angehörten, von dort
hierher gekommen, um im Auftrag wohlhabender Bürger dieser Gegend die Kirchen
auszumalen. Das Repertoire an Szenen ist, bis auf Details, in allen drei
Kirchen einheitlich.
Göreme, ein
Rundgang.
Im Dreieck
zwischen Nevsehir, Ürgüp und Avanos, in einem Gebiet von mehr als 300 qkm,
findet man zahlreiche Kirchen und Klosteranlagen, die teilweise schon in sehr
früher Zeit in die Felsen gehauen wurden, teilweise aus der Zeit der Hochblüte
des byzantinischen Reiches im 10. und 11. Jahrhundert stammen. Die schönsten
Beispiele der Architektur und Malerei in Kappadokien stellen die Felsenkirchen
von Göreme dar. Das Areal der sechs Höhlenkirchen und mehrerer Klosteranlagen
im Talkessel von Göreme ist als Open Air Museum eingerichtet worden. Dieser
Bereich von Göreme war ausschließlich ein religiöses Zentrum. In
frühchristlicher Zeit eher unbedeutend bildete es zusammen mit den Kirchen und
Klöstern von Cavusin und Zelve eine Gemeinschaft. Nach dem Ende des
Bilderstreits entwickelte sich das Tal zu einem Zentrum der monastischen
Besiedelung. Den Höhepunkt der künstlerischen Entwicklung erreichte Göreme im
11. Jahrhundert mit dem Bau der Säulenkirchen. Im unteren Teil des Museums,
über der jäh abstürzenden Schlucht, liegt die Basilius Kirche, ein einfacher
Kirchenraum mit Apsiden. Die ornamentale Ausstattung stammt noch aus der Zeit
des Bilderstreits. Später wurden auf die nicht verputzte Wand Bilder
aufgetragen, unter ihnen die Darstellung des hl. Basilius.
Oberhalb der
Basilius Kirche liegt die Elmali Kilise, die Apfel-Kirche, die ihren Namen wohl
von einem einstmals hier stehenden Apfelbaum erhalten hat. Die interessanteste
Szene ist die Darstellung der Taufe Christi in der Südwest-Ecke des Raumes. Im
Jordan ist eine aufrecht stehende Säule abgebildet, die an die Taufe Christi
erinnern soll. In byzantinischer Zeit wurde diese Säule von Pilgern, die ins
Heilige Land zogen, gesehen und beschrieben.
Direkt nebenan
liegt die Barbara Kilise. Die kunstvolle
Fassade mit Giebel und Blendarkade ist trotz Erosion eindrucksvoll erhalten.
Die Innenausstattung unterscheidet sich grundlegend von der der anderen Kirchen
in Göreme. Dem Eingang gegenüber sind den heiligen Georg (s. Kasten) und Theodor
im Kampf mit dem Drachen dargestellt. An der Westwand befindet sich ein Gemälde
der hl. Barbara, nach der diese Kirche benannt ist. Besondere Aufmerksamkeit
ziehen die schwer deutbaren, einzigartigen, in roter Farbe aufgetragenen Ornamente
auf sich. Stilisierte Zypressen und ein Hahn(?), ein Symbol der Wachsamkeit (?),
daneben byzantinische Standarten (?) und rätselhafte Insekten, deren Deutung
möglicherweise in esoterischen Bereichen zu suchen ist, bedecken, unbeholfen in
ihrer Darstellung, die Wände der Kirche, die wegen ihrer architektonischen
Gestaltung wohl auch erst im 11. Jahrhundert entstanden ist.
Man steigt nun
zum Felsrund hinauf und erreicht zuerst die Yilanli Kilise, die Kirche mit der
Schlange, aus dem 11. Jahrhundert, die ihren Namen dem großen Fresko an der
linken Wand des einfachen Tonnengewölbes verdankt, an das sich eine von
Schranken abgetrennte Apsis anschließt. Wahrscheinlich war dieser Raum zunächst
eine Begräbnisstätte, bevor er zu einer Kirche erweitert wurde. Auch hier sind
wieder die Reiterheiligen Georg und Theodor im Kampf mit dem Drachen
dargestellt. Neben dieser Szene sind der Kaiser Konstantin und seine Mutter,
die hl. Helena, abgebildet, die das hl. Kreuz halten. Die hl. Helena trat schon
sehr früh zum Christentum über und unternahm aufgrund einer Vision noch im
hohen Alter eine Pilgerfahrt nach Jerusalem, um das hl. Kreuz zu suchen. Der
Überlieferung zufolge fand sie die drei Kreuze von Golgatha. Auf der gegenüberliegenden
Seite sind der hl. Thomas, der hl. Basilius und der Anachoret Onuphorios
dargestellt. Onuphorios lebte als Eremit im 4. oder 5. Jahrhundert in der
ägyptischen Wüste. Während der 60 Jahre, die er dort zubrachte, kleidete er
sich nur mit einem Lendenschurz aus Blättern. Haar und Bart wuchsen ihm bis zur
Erde. Sein Ruhm verbreitete sich rasch in ganz Kleinasien und gab den Anlass
für diese Darstellung. Die abenteuerlichen
Berichte in
manchen Reiseführern und von Reiseleitern, die, von der stark modellierten
Brustmuskulatur inspiriert, in dieser Figur eine in einen Mann verwandelte Frau
erkennen und die Darstellung in den Zusammenhang von entsprechenden Legenden
-Bekehrung einer Hure oder die Errettung einer christlichen Prinzessin vor dem
Heiratswerben eines islamischen Emirs rücken wollen, sind reine
Phantasieprodukte. Im weiteren Verlauf des ausgeschilderten Weges kommt man zu
einem gut erhaltenen Refektorium mit aus
dem Fels gearbeitetem Tisch und Sitzbänken, die 40 - 50 Mönchen Platz boten.
Die Klosteranlage umfasst drei Räume: Küche, Keller und Refektorium, die an
einem Gang nebeneinander liegen. Die bedeutendste Kirche im Talkessel von
Göreme ist die Karanlik Kilise, die dunkle Kirche. Ihren guten Erhaltungszustand
. Da sie fast völlig von natürlichem Licht abgeschottet war, konnten die Fresken
ihre ursprüngliche Leuchtkraft bewahren. Die Figuren, vor allem aber die Gesichter,
sind nahezu unversehrt, so dass sie einen besonderen Schatz im Rahmen der
figürlichen Ausgestaltung der Kirchen darstellen. Der Kreuzkuppelkirche ist ein
Narthex vorgelagert, dessen Inneres durch den Abbruch der Wand von außen
sichtbar ist. Die Bilderfolge im Innern entspricht dem traditionellen Programm
des 11. Jahrhunderts mit den Merkmalen des strengen byzantinischen Symbolismus
der Zeit. Auffällig ist die Verwendung der blauen Farbe, die aus dem teuren
Azurit Gestein gewonnen wurde.
Am Ende des Weges
erreicht man die Carikli Kilise, die Kirche mit den Sandalen, zu der man über
eine Eisentreppe hinaufsteigt. Sie trägt ihren Namen entweder wegen der
Fußabdrücke im Boden oder wegen der Figuren, die vornehmlich Sandalen tragen.
Es ist eine Zweisäulenkirche mit kreuzförmigem Grundriss und besitzt vier
Kuppeln. Die Innenausmalung fügt sich in das ikonographische Programm der
klassischen byzantinischen Malerei ein.
Hier endet der
Rundgang. Auf dem Weg zum Ausgang umrundet man einen einzeln stehenden
Tuffkegel, in den hinein eine ausgedehnte Klosteranlage gebaut wurde. Die
Klosterkirche besitzt einen kreuzförmigen Grundriss mit vier von Kapitellen
bekrönten Säulen. Küchen und der Speisesaal lagen in einer unteren Etage. In
der Spitze des Tuffkegels befinden sich Kammern mit Nischen, in denen
möglicherweise Ikonen aufgestellt waren.